Regeln für Business-Romantiker

Tim Leberecht

Tim Leberecht

Tim Leberecht ist ein internationaler Management- und Marketingexperte und der Autor des Buches „Business-Romantiker: Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben“ (Droemer-Kanur, 2015). Anfang des Jahres hatten wir das Glück, ihn für einen

Vortrag an einem unserer beliebten Kamin-Abende DMI NightOut begrüßen zu dürfen. Seither ist sein Buch bereits in 8 Sprachen übersetzt worden und hier bei uns in Deutschland zum Bestseller avanciert.

Business RomantikerZu unserer großen Freude, hat Tim sich nun trotz vieler PR-Termine noch die Zeit genommen, extra für  unseren Blog einen kleinen Artikel zu schreiben. Uns inspirieren seine Ideen immer sehr – wir hoffen Euch auch!

Wenn dem so ist, können wir nur sein Buch empfehlen – in jeder guten Buchhandlung oder online erhältlich!

 

Mehr Romantik am Arbeitsplatz
von Tim Leberecht

Wir brauchen eine neue romantische Bewegung! Wie die Romantiker im 18. Jahrhundert – Novalis, William Blake oder Lord Byron – aufbegehrten gegen den Alleinanspruch der Vernunft und der empirischen Wahrheit, so sollten wir jetzt aufbegehren gegen die Entzauberung der Welt durch die Ökonomisierung und nun zunehmend auch die Datafizierung und Quantifizierung unserer Identitäten und Beziehungen, weit über den Arbeitsplatz hinaus. Wir brauchen wieder mehr Romantik in unserem Leben, und Business ist dafür die perfekte Bühne und das effektivste Mittel.

Wie fängt man idealerweise an, „Business-Romantiker“ zu sein?

Der romantische Dichter William Wordsworth hat es so formuliert: „To begin, begin.“ Es ist also zunächst einmal wichtig, dass man eine romantische Sensibilität erwirbt, dass man das Geschäftsleben mit anderen, frischen Augen betrachet und andere Bezugspunkte schafft. Das bedeutet für den Business-Romantiker, eine romantische Brille aufzusetzen, buchstäblich. Im Deutschen wird das schnell als „rosarote Brille“ abgetan – aber Schönheit liegt eben tatsächlich im Auge des Betrachters.

Konkret kann dies zum Beispiel bedeuten, dass Sie das Wort „romantisieren“ nicht mehr rein negativ verwenden und dass Sie in Meetings offen über Ihre Gefühle sprechen. Oder dass Sie morgen einfach einmal ganz bewusst als andere Person am Arbeitsplatz auftauchen. Wie die US-Autorin und Sozialpsychologin Amy Cuddy festgestellt hat ist „So tun als ob“ oft der direkteste Weg zum tatsächlichen „Sein“.

Wichtig ist allerdings, dass man Business-Romantik nicht gleich zur Chefsache erklärt oder firmenweit formalisiert – das wäre nämlich kontraproduktiv und würde die Romantik im Ansatz zerstören. Ich glaube auch nicht an Überzeugungsarbeit. Als Romantiker werden Sie es schwer haben gegen den Zynismus mit reiner Rhetorik anzukommen. Lassen Sie Taten sprechen! Manipulieren Sie den Arbeitsalltag an kleinen, unscheinbaren Nahtstellen der Realität.

Ein (un)typischer romantischer Arbeitstag

In meinem Buch präsentiere ich sogenannte „Regeln für Business-Romantiker“ sowie ein Einsteigerpaket, das konkrete 15 Schritte vorschlägt. Die Regeln reichen von „Gib mehr als du nimmst“ zu „Hüte das Geheimnis“ zu „Tu so, als ob“ bis hin zu „Steh still und tue nichts.“ Alle diese Regeln hinterfragen typische Konventionen. Mit „Hüte das Geheimnis“ zum Beispiel wende ich mich gegen den Glauben, dass Transparenz immer gut ist und zeige auf, wie kleine Geheimnisse und Rätsel die Phantasie auf Trab halten. Letztlich geht es bei allen Regeln darum, das Vertraute wieder fremdartig, ja sogar etwas seltsam zu machen. Kleine Manipulationen, kleine „Hacks“, kleine Tabubrüche wirken da buchstäblich Wunder.

Spielen wir einmal einen (un)typischen romantischen Arbeitstag durch: Anstatt direkt ins Büro zu gehen, können Sie jetzt erstmal tanzen gehen. Daybreaker macht’s möglich. Es ist eine Art Pop-Up Club, der Sie – jetzt auch in Deutschland – dazu einlädt, mit Hunderten anderer um 6:30 Uhr morgens erst einmal ausgelassen zu tanzen. Ekstase vor der Effizienz, sozusagen. Auf dem Weg zur Arbeit sprechen Sie dann Fremde in der U-Bahn an. Eine Studie der Universität Chicago hat ergeben, dass dies ein ausserordentliches Glücksgefühl erzeugt.

Diese Form der „kleinen Grenzerfahrung“, die Sie ein bissschen aus Ihrer Wohlfühlzone puscht, können Sie dann im Büro fortsetzen: Tauschen Sie den Arbeitsplatz, vielleicht sogar die Rolle. Die Bank Credit Suisse hat zum Beisspiel einen Grossteil ihres Büros in Zürich einen Co-Working Space umgewandelt, was bei der Belegschaft sehr gut ankam. Der US-Online-Händler Zappos designt seine Räumlichkeiten ganz bewusst für sogenannte „people collisions“ – zufällige Begegungen am Arbeitsplatz. GitHub, eine Softwarefirma in San Francisco, ermutigt ihre Angestellten gemeinsam zu wohnen und neue Städte kennenzulernen, und in Teams von Venedig oder Montevideo aus zu arbeiten. Das stärkt den Teamgeist und die persönliche Weiterbildung. Und der Motivation schadet es anscheinend auch nicht.

Oder laden Sie einen Kollegen zum Mittagessen ein, den Sie noch nie getroffen haben. Überraschen Sie ihn oder sie mit einem „zufälligen Akt der Freundlichkeit„ („random act of kindness“), so wie das die holländische Airline KLM gemacht hat mit spontanen Geschenken für Reisende am Flughafen oder jetzt auch Airbnb, das seine Kunden für „random acts of hospitality“ belohnt. Unterbrechen Sie Ihre Arbeit für 15 Minuten für einen guten Zweck – Studien belegen, dass Sie sich produktiver und zufriedener fühlen.

Anstelle von Telefonkonferenzen führen Sie „dichte Tage“ ein, die Sie nur mit einem Kollegen oder einer Kollegin verbringen, ohne von „dünnen Formaten“ wie Team-Meetings und Email abgelenkt zu werden. Unterrichten Sie von Kollege zu Kollege, über Themen wie Tangotanzen, Filme und andere Hobbies (so macht das die Etsy School des E-Ommerce-Anbieters Estsy). Richten Sie eine Art Geheimbund ein, der Ihnen und Ihren Kollegen erlaubt, bestehenden Pratiken in Frage zu stellen und eine Art Gegen-Realität zu Ihrer Firma zu entwerfen, die unter anderem das Denken der Konkurrenz simuliert und Andersdenken eine Forum bietet für radikale Ideen.

Feiern Sie das Ende von Projekten, aber trauern Sie auch und gönnen Sie sich und Ihren Kollegen etwas Zeit, bevor sie sich aufs nächste stürzen. Überhaupt, in einer Zeit, in der Ideen und Projekte zunehmend zum Strukturprinzip des Organisationsdesigns werden, kann es nicht schaden, Projekte als romantische Geschichten zu begreifen, mit Spannungsbögen, und eigentlich, wenn wir ehrlich sind, auch immer mit offenem Ausgang, trotz unserer Versuche, alles zu berechnen und vorherzusehen.

Beenden Sie den Tag schließlich mit einem intimen Kerzenlicht-Dinner, zu dem Sie Ihr Team oder Ihre Kollegen aus anderen Abteilungen einladen – und auch Fremde von Außen – und sprechen Sie über Arbeitsthemen sowie Themen, die Sie alle angehen, auch außerhalb der Arbeit.

Fragen Sie sich jeden Tag: Wenn ich nur sechs Monate hier wäre, was wäre meine größte Hinterlassenschaft für die Organisation? Fangen Sie an, sofort an der zu arbeiten.

 

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Über Andrea

Andrea kümmert sich um unsere PR und zeigt gerne, wie innovativ und vielseitig Indeed ist. Eigentlich ist sie zuständig für die Worte – trotzdem lässt sie uns hier meistens den Vortritt, weil wir als Designer und Entwickler in unserem Blog ganz authentisch berichten wollen. Und das können wir am besten selber.

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